Die Kurpfälzer kommen...oder waren es die Schweizer?!



Der 30jährige Krieg hatte das Land verändert. Die Altmark, als kurbrandenburgisches Gebiet war entvölkert. Die Einwohnerzahl war nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648) auf etwas die Hälfte geschrumpft, in der Altmark lag der Bevölkerungsrückgang noch höher. Feindliche Heere bedrohten das Land, das dringend wirtschaftlich wiederbelebt werden musste." (Dell/Schwenecke) "Der Glaubenskrieg hatte den aufstrebenden brandenburg-preussischen Staat zum Spielball werden lassen, auf jeden Fall aber zum Durchzugsgebiet für die verschiedenen Heerscharen. Die vollständige Zerstörung Magdeburgs durch General Tilly ist ein vielzitiertes Symbol dafür. Für lange Zeit war der Begriff des „Magdeburgisierens“ das feststehende Synonym für die totale Zerstörung. „Da ist nichts als Morden, Brennen, Plündern, Peinigen, Prügeln gewesen.“, schreibt Otto von Guericke (1602-1686) als Augenzeuge. Ergänzt wurden die Folgen des Krieges durch Hungersnöte und die Pest.

Ab 1650 betrieb Kurfürst Friedrich-Wilhelm von Brandenburg eine systematische Einwanderungspolitik, 1661, 1667 und 1669 wurden Einwanderungsedikte erlassen, in denen Bekenntnisfreiheit und materielle Anreize festgeschrieben wurden, um Fremde - besonders Kolonisten (Wiederbelebung der Landwirtschaft) und Handwerker - ins Land zu holen." (Dell/Schwenecke) 1685 schafft Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg mit dem Edikt von Potsdam die Grundlage für eine neue Rolle seines Fürstentums und lädt Hugenotten als protestantische Glaubensflüchtlinge ein, sich niederzulassen. Die Einladung ging auch an andere Protestanten, die sich in den folgenden Jahrzehnten in Wellen im Kurfürstentum niederließen. Allein mit dem Zuzug der Hugenotten stieg die Einwohnerzahl bereits um ein Drittel an. Das Toleranzedikt macht deutlich, dass es nicht nur die eine Reformation Martin Luthers gab. Vielmehr entwickelten sich verschiedene Stömungen nebeneinander her. „Das Luthertum und der Calvinismus (Hugenotten, Reformierte) waren (ursprünglich) durch klare geografische Grenzen voneinander getrennt. Die lutherische Reformation hatte in Teilen Deutschlands gesiegt und in den Ländern Skandinaviens. Der Calvinismus hatte in der Schweiz die Oberhand gewonnen und verbreitete sich in Frankreich und den Niederlanden. (…) Luthertum und Calvinismus standen sich am Ausgang der Reformationsepoche feindselig gegenüber, bekämpften sich gegenseitig und brandmarkten den jeweils anderen wegen angeblicher Irrlehren." (2)

Die Besonderheit in Brandenburg war, dass der Landesherr Calvinist wurde und seine Untertan*innen Lutheraner bleiben durften. 1613 war Johann Sigismund zum Calvinismus konvertiert, hatte seinem Volk aber den lutherischen Glauben gelassen (1555 war die Vereinbarung „cuius regio, eius religio“ entstanden mit der das Bekenntnis des Herrschers maßgeblich für seine Bevölkerung wurde.). (Gautschi/Suter) Mit den Hugenotten und den anderen Reformierten lud Friedrich Wilhelm also seine eigenen Glaubensgeschwister ein und versah sie mit umfangreichen Privilegien, wie einer eigenen Gerichtsbarkeit und z.B. in Magdeburg eigenen Bürgermeisterpositionen. Der Zuzug der Kolonisten beschränkte sich aber nicht auf die großen Städte wie Potsdam oder Magdeburg. „Ziel der Werber waren u. a. die Kurpfalz und das Land Hessen-Darmstadt. Diese Länder waren eines der größten Auswanderungsgebiete Deutschlands. Die Auswanderer dieses Raumes wurden vereinfacht alle Pfälzer genannt.“ Mit der Krönung Friedrichs I. zum König von Preussen gab es eine weitere Kolonisationswelle, die sich über mehrere Jahrzehnte hinstreckt. Zu den Auswanderern ab 1748 aus dem heutigen Odenwaldkreis, gehörte auch die Familie Lautenschläger aus den beieinanderligenden Orten Airlenbach und Hiltersklingen. So unter anderen auch die Nachfahren des Kolonisten Johann Leonhard Lautenschläger aus Hiltersklingen im Odenwald. In Dolle begegnen wir seinem Sohn, dem Kolonisten Johann Conrad Lautenschläger aus Hiltersklingen und seiner Frau Anna Gembler aus Hüttenthal im Odenwald, deren Tochter Anna Catharina 1773 in Burgstall den Mühlenburschen, Arbeiter, Soldaten und Grundsitzer Joachim Benedictus Knackmuß heiratet. Ein paar Jahre vorher betrat Johann Peter Lautenschläger aus Airlenbach, verheiratet mit Eva Elisabetha Schindel und einem gemeinsamen Sohn Johann Conrad (geb. 1745), die Bühne der Colbitz-Letzlinger Heide. Aufgrund der geographischen Nähe der beiden Orte Hiltersklingen und Airlenbach (rund 10 KM) können wir davon ausgehen, dass sie in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander standen. Johann Peter und Johann Leonhard nenen beide ihre Söhne Johann Conrad. Ob das evtl. auf einen gemeinsamen Großvater oder sonst einen gemeinsamen Bezug hinweist, gilt es noch zu klären.


Die Beschreibung der Geschichte des Ortes Hiltersklingen ermöglicht einen Eindruck der Lebensumstände, die vielleicht den Grund für die Wanderung in die Altmark deutlich machen. „In den Anfängen der Reformation sympathisierten die pfälzischen Herrscher offen mit dem lutherischen Glauben, aber erst unter Ottheinrich (Kurfürst von 1556 bis 1559) erfolgte der offizielle Übergang zur lutherischen Lehre. In der Grafschaft Erbach wurde bereits 1544 die Reformation eingeführt. Das führte dazu, dass der evangelische Glaube in erbachischen Teil von Hiltersklingen auch noch nach der Gegenreformation im Kurmainz erhalten blieb. Als Folge der Reformation hob die Kurpfalz 1564 das Kloster Lorsch auf. Die bestehenden Rechte wie Zehnten, Grundzinsen, Gülten und Gefälle des Klosters Lorsch wurden fortan durch die „Oberschaffnerei Lorsch“ wahrgenommen und verwaltet.[4] Kirchlich war Unter-Hiltersklingen eine Filiale der Pfarrei Güttersbach und Ober-Hiltersklingen eine Filiale der Pfarrei Fürth.[3]


Im Laufe des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) eroberten spanische Truppen der „Katholischen Liga“ die Region und stellten damit 1623 die Kurmainzer Herrschaft wieder her. Dadurch wurde die durch die Pfalzgrafen eingeführte Reformation in Ober-Hiltersklingen weitgehend wieder rückgängig gemacht und die Bevölkerung musste wieder zum katholischen Glauben zurückkehren. Zwar zogen sich die spanischen Truppen nach 10 Jahren vor den anrückenden Schweden zurück aber nach der katastrophalen Niederlage der Evangelischen in der Nördlingen 1634 verließen auch die Schweden die Bergstraße und mit dem Schwedisch-Französischen Krieg begann ab 1635 das blutigste Kapitel des Dreißigjährigen Krieges. Aus der Region berichten die Chronisten aus jener Zeit: „Pest und Hunger wüten im Land und dezimieren die Bevölkerung, sodass die Dörfer öfters völlig leer stehen“. 1648 wurde der Ort im Salbuch 47b des Staatsarchivs Darmstadt als unbewohnt vermerkt.[3] Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde die Einlösung der Pfandschaft endgültig festgeschrieben.“

Hier hätte sich der Autor zurücklehnn und freuen können - aber Geschichte ist meist nicht so, wie es der erste Blick verspricht. Zwei Jahre nach dem obigen Text wissen wir, dass weder die Lautenschlägers noch die Gemblers Lutheraner waren oder ursprünglich Pfälzer. Beide Familien und noch einige mehr drumherum, die zu den Heiratskreisen der beiden Familien gehören, kommen aus der Züricher Region und sind Reformierte bzw. Reformierte aus dem Wirkungsumfeld von Ulrich (Huldrych) Zwingli. Zwingli ist einer der ursprünglichen "großen" Reformator*innen neben Luther. Sein Hintergrund aber ist deutlich anders geprägt. Während Luther, Mönch im Augustinerordens, eher aus persönlicher Gewissensnot ins reformatorische Denken kommt, ist es bei Zwingli, als Leutpriester, der Wunsch soziale Veränderungen herbeizuführen und die Widersprüche zwischen Amtskirche und Volk durch Bildung zu beseitigen. Zwingli ist sicherlich auch durch die Schriften Luthers und die Meldungen über dessen Wirken beeinflusst, ebenso aber durch Humanisten, wie Erasmus von Rotterdam. So galt Zwingli denn auch als Humanist UND Theologe. Die "Reformation Zwinglis" ist eine, die sich schnell dem Pflichtzölibat entgegenstellt, das Fastengebot mit dem "Froschauer Wurstessen" hinterfragt und sich eher kämpferisch denn diplomatisch gibt. Das Abendmahllsverständnis (Zwingli nennt es "Nachtmahl") ist das eines Gedächtnismahles und die 10 Gebote - anders als bei Luther - bleiben in ihrer alttestamentarischen Version erhalten. Letzteres bedeutet, dass das zweite Gebot bei den Reformierten, das Bildnisverbot ist (bei Luther entfällt dies). Und - neben Luther - übersetzt auch Zwingli die Bibel, die von Christopher Froschauer gedruckt wird. Anders als bei Luther, ist auch die gesellschaftliche Verfasstheit der (alten) Eidgenossenschaft, in der er lebt. Zürich gehört zu den "Acht alten Orten", die sich seit 1353 keiner Feudalherrschaft mehr (schon gar nicht den österreichischen Habsburgern (ursprünglich Fürsten aus dem Kanton Aargau)) unterwerfen wollten. Damit gilt für die Eidgenossen die Reichsfreiheit und eine entsprechende Selbstverwaltung.

Damit verändert sich das Bild, dass wir von unseren Ahnen haben dürfen, sie sind ursprünglich nicht Teil der armen Odenwälder Landbevölkerung, sondern kommen aus einem Land, dass weitestgehen vom 30jährigen Krieg verschont blieb, durch Lebensmittellieferungen sogar daran verdient hatte. Davon wiederum profitierten zumeist aber die Städte als Handelsplätze. Die Situation in den ländlichen Regionen hingegen scheint nach dem Westfälischen Frieden mit neuen Steuern und den Auswirkungen der kleinen Eiszeit belasteter gewesen zu sein und die Schweiz ist nicht mehr in der Lage alle Schweizer zu ernähren. In die Regionen (z.B. den Pfälzer Odenwald), in die sie zogen, kamen die Schweizer als Innovatoren, die eine moderne Landwirtschaft mitbrachten. "Sie haben die Wiesenwässerung eingeführt, das Halten der Tiere im Stall. Dadurch konnte man das erste Mal die Äcker mit Mist düngen, was sich natürlich positiv auf den Ertrag der Äcker auswirkte. Ausserdem führten die Schweizer neue Kleesorten und die Kartoffel ein. Vornehmlich die Mennoniten waren Agrarpioniere." (Helmut Seebach)

Die Spur der Lautenschlager/Lautenschläger führt uns mitten in die Zürcher Reforationskreise. Margareta Lautenschlager aus Embrach, vormals Haushälterin von Heinrich Brennwald, heiratet diesen 1524. Kinder hatten sie bereits. Brennwald, aus einer Züricher Patrizierfamilie, päpstlicher Notar, Propst und Kanonikus des Chorherrenstifts Embrach, ist Anhänger der Reformation und auch bei Zwinglis Zürcher Disputation dabei. Die Gemblers kommen aus Hinwil, die Biedermanns und Fenner aus Wetzikon, die Hotz aus Gossau. Manche Paare finden sich erst, als die Familien schon in der zweiten oder dritten Generation im Odenwald leben, was für den Zusammenhalt der Schweizer spricht. Und ebenso scheinen sie in dieser Gemeinschaft dann ins brandenburgische weiterzuziehen.


Quellen:

Defoe, Daniel: "Kurze Geschichte der Pfälzischen Flüchtlinge" (Der Text erschien 1709 in England: "A brief History of the poor Palatine Refugees"), München 2017

Wagner-Roos, Luise: „Ein deutsches Trauma – Der Fall von Magdeburg“ in Huf, Hans-Christian (Hrsg.): „Mit Gotttes Segen in die Hölle – Der dreißigjährige Krieg“; Berlin 2004, S. 153

Epkenhans, Michael: „Geschichte Deutschlands – von 1648 bis heute“; Paderborn 2011

Gautschi, Andreas/ Suter, Helmut: "Vom Jagen, Trinken und Regieren - Reminiszenzen aus dem Leben des Kurfürsten Johann Sigismund von Brandenburg, nach alten Briefen zitiert", Limburg a.d. Lahn 2005

Jung; Martin H.: „Reformation und konfessionellen Zeitalter (1517-1648); Göttingen 2012, S. 115 - 116

Goertz, Hans-Jürgen: „Deutschland 1500 – 1648 – Eine zertrennte Welt“, Paderborn 20014, S. 166

Vocelka, Karl: „Geschichte der Neuzeit 1500 – 1918“; Wien 2010, S. 451 ff

Dell, Susanne/Schwenecke, Reinhard: „Das Altmark-Dorf Letzlingen – Erlebtes und Nachgeforschtes, Neualbenreuth 2014, S. 14

Badelt, Peggy/Rau, Anja: „Familienbuch Burgstall mit Dolle, Blätz, Mixdorf und Salchau“, AMF – Mitteldeutsche OFB 2015, S. 151/S. 171

Bättig, Andreas im Interview mit Helmut Seebach: "Die Schweizer Reformierten waren Pioniere", https://www.ref.ch/news/die-schweizer-reformierten-waren-pioniere/ , 2017

https://de.wikipedia.org/wiki/Hiltersklingen#Von_den_Anf.C3.A4ngen_bis_zum_18._Jahrhundert

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